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Als Ingenieur unter Künstlern

Vom 18. bis 20. November fand in Leipzig das Wisp Festival for Arts, Technology & Comunication statt. Das Wisp Kollektiv hatte geladen und sie sind gekommen: Es gab soziale Roboter, kommunikative Pflanzen, modifizierte Körper und wirklich gute Musik. Dazu Workshops und Lesungen. Und noch viel mehr, von dem ich gerne berichten würde, aber ich habe nicht viel vom Festival mitbekommen, denn ich war abgelenkt: Dr. Black and Mr. White (Ankündigung, Baubericht) haben mich mehr beschäftigt, als ich gedacht hatte.

Meine erste große Installation vor Publikum war ein heißer Ritt. In technischen Ausdrücken haben Melanie und ich einen Prototypen mit unzureichend getesteter Hard- und Software gebaut und die Deadline grandios gerissen. Unser Projekt lief am Nachmittag von Tag zwei der dreitägigen Veranstaltung. Aber es lief. Nicht ganz wie vorgesehen, einige Features waren auf der Strecke geblieben, aber es lief.

Und das war grandios. Anders als im kommerziellen Umfeld, wird im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung das fertig Produkt nicht einem Fachpublikum, welches die Anforderungen formuliert hat, sondern Laien vorgestellt. Und auch wenn ich Leute im allgemeinen manchmal schwierig finde, waren es die Leute, die das ganze so spannend gemacht haben.

Zum einen war da der Dialog mit dem Publikum. Je nach dem, wen von uns beiden sie gefragt haben, wie die Installation funktioniert, haben sie sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Melanie konnte erklären, dass hier ein eindimensionales Wesen in den dreidimensionalen Raum eindringt und damit die umschlossene Leere betont. Was dazu einläd, den offenen Raum im inneren zu erkunden und eine Reaktion erzeugt, welche das Verhalten des Betrachters spiegelt.

Ich hingegen habe erläutert, dass da eine Software läuft, die eine obskure Eigenheit des ADCs im Atmega Mikrocontroller ausnutzt, um mittels statischer Elektrizität Bewgung festzustellen. Dass wir ziemlich viel Dämpfung benutzen, um Rückkopplungsschleifen zu verhindern und dass das ganze von einer Spule angetrieben wird.

Beide Antworten waren unvollständig aber 100% korrekt.

Dann war da das Publikum im Dialog mit dem Objekt. Mein persönlicher Favorit war der Besucher, der sich neben die Skulptur gestellt hat und dann ein mal in die Luft gehüpft ist. Ich bilde mir ein, er hat die zugrundeliegende Software als Regelkreis erkannt und wollte die Sprungantwort des Systems sehen. Es kann natürlich auch sein, dass ich ein Nerd bin, der auf Regelungstechnikkalauer steht.

Ein häufig zu beobachtendes Schema waren Leute, die sich dem Draht vorsichtig annäherten und dabei unter der Erkennungsschwelle blieben. Wenn sie dann zu dem Schluss kamen, dass der Draht nichts interessantes macht, haben sie sich, verglichen mit ihrer Annäherung, schnell abgewand und die Skulptur erwachte hinter ihrem Rücken zum Leben.

Und dann gab es eine Vielzahl von Menschen, die angefangen haben zu experimentieren, um die Funktionsweise der Installation zu verstehen. Es wurde in Richtung des Arduino gewunken, vor der kleinen Kamera, die ich zur Dokumentation an einen Pfeiler geklemmt hatte, herumgefuchtelt, mit der Antriebsspule gesprochen und am Draht gewackelt. Die kurzen Stücke Kupferrohr, die am Draht hingen, wurden angestupst und diverse weitere Methoden der Interaktion versucht.

Die Reaktionen (der Menschen) hierbei rechten von spielerischer Neugierde und Überraschung zu Frustration. Meine Reaktion war ein tief empfundener Stolz, den Leuten etwas zum spielen gegeben zu haben. Die Skultur war eine Blackbox mit unklarem User Interface und fehlender Dokumentation. Vor ewigen Zeiten (frühe Neunziger) habe ich im Buch “Vehikel. Experimente mit Kybernetischen Wesen” von Valentin Braitenberg die These gelesen, dass die Synthese von Empfindungen einfacher wäre, als die Analyse. Den Leuten dabei zuzschauen, wie sie versuchten, herauszufinden, was der Draht von ihnen denkt, hat das eindrucksvoll bestätigt.

Und wir haben uns bereitwillig anstecken lassen. Nach kurzer Zeit im Betrieb haben wir darüber gesprochen, dass die Skulptur genevt ist, uns gefragt, ob es ihr gut geht und beobachtet, dass sie einzelne Leute einfach ignorieren würde. Wenn die Sensorik in eine Rückkopplung fiel, haben wir diesen Zustand als Katatonie bezeichnet. Als ich gegen Ende der Ausstellung nicht ganz zufrieden war, habe ich mich daran gesetzt, noch einmal nachzukalibrieren, dann aber davon abgesehen, weil ich die Skulptur nicht stören wollte.

Die letzte Gruppe anwesender Menschen waren die anderen Künstler. Und auch das waren sehr gute Begegnungen. Zum einen war da natürlich das gemeinsame Abenteuer, mit dem Zeitdruck beim Aufbau und der Tatsache, dass wirklich alle Probleme mit ihren Sensoren hatten. Der Atelierraum im Bermudadreieck war weit davon entfernt eine sterile Laborumgebung zu sein und er war voller Menschen und anderer Störquellen (Nicht zuletzt die anderen Installationen).

Aber wirklich gut war es, sich über die ausgestellten Werke auszutauschen. Und dabei nicht bei den technischen Problemen und deren Lösungen stehen zu bleiben, sondern Intention und Wirkung zu besprechen, das ungenutzte Potential der implementierten Ideen auszuloten und über die nächste Iteration nachzudenken. Als Ingenieur unter Künstlern habe ich mich überaus wohl und gut aufgenommen gefühlt.