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Mein Jihad

Alles fing an, als vor drei Wochen Mehmet aus der Nachbarschaft bei uns geklingelt hat. Mehmet ist ein komischer Typ, so ein bisschen das schwarze Schaf im Viertel. Ich meine: Wer wird schon freiwillig Bulle? Mehmet hat also geklingelt und mich mit in das gammelige Jugendzemtrum im Park geschleppt. Zu Ronnie, einem ‘Streetworker’, der mit seinem bräunlich verfärbten Teebecher in der Ecke des großen Raumes des Jugendzentrums saß. Ich bin nur mitgegangen weil Mehmet nun mal Bulle ist. Und ein Cousin oder so, jedenfalls älter als ich. Ronnie war voll der Lehrer, nur noch lahmer. Die beiden, Mehmet und Ronnie waren alte Kumpels, von der Schule, eventuell aus dem Kindergarten. Das muss ewig her sein, die beiden sind fast dreißig. Und kaum dass Mehmet wieder aus der Tür war, hat Ronnie angefangen, mich vollzutexten:
“Ich höre, du willst Jihadist werden. Keine leichte Sache, ich weiß, aber ich kann dir helfen.” Noch bevor ich ihm mitteilen konnte, dass er sich verpissen soll, fuhr er fort:
“Montags trifft sich hier die Linux User Group, die können dir erklären, wie du deine Mails verschlüsselst und anonym surfst. Außerdem zocken die recht regelmäßig Counter- Strike, das könnte auch nützlich sein.” Ich war perplex, der Typ meinte das ernst.
“Wegen Bekennervideos redest du am besten mit den Leuten im Skatepark nebenan. Die leihen sich häufig unsere Kameras und schneiden das Material dann auf unserem Mac.” Ronnie macht ein kurze Pause und schaut nachdenklich über meine Schulter. “Bist du ein guter Redner? Das ist wichtig für ein Bekennervideo.”
“Alder, was willst du von mir?”
“Dachte ich mir, aber das kriegen wir in den Griff.” Ronnie winkte ein blasses Mädchen, das hinter mir am Kicker stand, zu uns heran. Als sie ankam wandte er sich an sie: “Natalia, ich glaube, ich habe euren MC gefunden. Erklär ihm doch mal, worum es geht.”
“Klar, gerne.” Und zu mir: “Wir machen Elektropunk, aber wollen uns in Richtung Hiphop entwickeln. Ich bin die Shouterin, also fehlt fehlt uns ein MC. Kannst du rappen?” Ich hing in einem schäbigen Sessel und sie stand abschätzend herab sehend daneben.
“Wie kommst du darauf?” Antwortete ich, worauf sie lächelnd erwiderte: “Cool, ich kann auch nicht singen. Ich schätze, wir sehen uns morgen um sieben im Probenkeller.” Woraufhin sie sich zum Kicker zurückzog und ich ihr nachstarrte.
Mit der Frage, was der Scheiß soll, wandte ich mich wieder Ronnie zu. Er zündete sich die krumme Zigarette an, die er gedreht hatte, während das Mädel und ich geredet hatten.
“So ein Jihad ist schwierig und ich will dich vernünftig vorbereitet sehen. Ich habe einen Bildungsauftrag, verstehst du?” Die Kippe hing faul in seinem rechten Mundwinkel. “Kannst du zum Beispiel einen Fernzünder für eine Bombe bauen?”
Seine cooler junger Lehrer Tour ging mir gehörig auf den Sack, Ronnie war weder jung noch cool. “Du etwa?” fragte ich zurück.
“Nein, weil ich das für meinen Job nicht brauche. Aber für dich könnte das hier interessant sein: Die meisten von den Linux Usern basteln auch Elektronik und jetzt am Wochenende bieten die wieder einen Einsteigerkurs mit Arduinos an, das ist ein guter erster Schritt in Richtung Bombenzünder, glaube ich. Da sind noch Plätze frei, hast du Zeit? Der Kurs kostet nichts, das Material ist gespendet.”
Er fuhr noch eine Weile fort bis die Bullshitlawine endlich versiegte und ich mich endlich vom Acker machen konnte.

Natürlich war mir klar, dass der Typ mich verarschen wollte. Aber am nächsten Abend war nichts los und ich bin aus Langeweile zur Bandprobe gegangen. Ich wollte sehen, wie die russische Schnepfe sich zum Affen macht. Irgendwann habe ich mir in einer ihrer Atempausen ein Mikro gegriffen und Koranverse vom Stapel gelassen. Die anderen haben kein Wort verstanden, aber fanden es geil und jetzt bin ich in einer Band. Ruslan, unser DJ, ist einer von den Nerds und hat seinen Drumcomputer selbst gebaut. Er zeigt mir außerdem wie man Webseiten macht. Am Bass steht Levke, eine von den Skaterinnen. Wir haben letzte Woche ein krasses Downhillvideo mit ihr und ihrer Crew gedreht. Jamal ist unser Gitarrist. Wenn wir mal auftreten, müssen wir uns etwas ausdenken, damit seine Eltern nicht mitbekommen, dass er in einer Band spielt. Vielleicht verschleiern wir uns, das würde passen, wir heißen nämlich Jugendjihad. Ich bin von den Koranversen abgekommen und wir schreiben unsere Texte selber, das ist mehr so unser Ding. Und dann ist da natürlich noch Natalia, mit der ich heute Abend ins Kino gehe. Ich bin Ronnie wohl voll auf den Leim gegangen, aber dafür nervt Mehmet nicht mehr rum.