Gedanken zum Kulturbegriff

‘Kultur’ ist gerade wieder als wichtiges Gut in vieler Munde. Und daraus resultiert, dass es viele verschiedene Ideen gibt, was darunter zu verstehen ist. Nachdem ich nach dem ersten Kontakt mit dem Internet heute morgen eine ganze Weile innere Monologe zu dem Thema gehalten habe, habe ich beschlossen, meine Gedanken schriftlich festzuhalten, in der Hoffnung, die Monologe auf die Art und Weise aus dem Kopf zu bekommen.

‘Eine Kultur’ ist in meinen Augen eine Gruppe von Personen, die gemeinsame Werte und Vorstellungen teilen, oftmals vor dem Hintergrund ähnlicher oder gemeinsamer Erfahrungen. So einfach dieser Satz klingt, enthält er einige interessante Aspekte. Kulturen entwickeln sich, wenn, und vor allem solange, Menschen gemeinsame Erfahrungen machen. Eine Kultur ist ein lebendiges Wesen dass von denen gestaltet wird, die sich ihr zugehörig fühlen. Außerdem ist sie generell offen, denn die einzige Voraussetzung, um dazu zu gehören, besteht darin, ihre Werte und Vorstellungen zu teilen. Man muss keinen Aufnahmeantrag stellen, sondern kann einfach mitmachen, indem man mitmacht.

Darüber hinaus können Leute Teil mehrer (Sub) Kulturen sein. Ich bin Deutscher und mag meine Züge pünktlich und mein Kraut sauer. Gleichzeitig bin ich Ingenieur und fühle mich aufgrund geteilter Werte und Vorstellungen vielen meiner ausländischen Ingenieurskollegen kulturell näher, als einigen meiner Landsleute. Wir alle haben uns durch Mathematikvorlesungen gekämpft, das schweißt zusammen, egal ob die in Neu Delhi, Arhus oder Hamburg stattgefunden haben.

Kultur ist daher grundsätzlich integrativ, denn sie erlaubt uns, Menschen zu identifizieren, mit denen uns etwas verbindet. Gleichzeitig hat Kultur einen normativen Character und an dieser Stelle ist es schwierig, Ursache und Wirkung zu unterscheiden. Ist jemand Punk, weil er Polizisten anpöbelt, oder tun Punks das als Ausdruck ihrer Kultur? Hierbei sollte es jedem frei stehen, wie viel von einer Kultur er annehmen möchte, um sich wohl zu fühlen. Nicht jeder Deutsche muss Sauerkraut mögen.

Kulturen unterscheiden sich und viele enthalten ein starkes Element der Abgrenzung. Weil das aber nicht bei allen Kulturen der Fall ist, halte ich das für kein zwingendes Merkmal. Wo Unterschiede existieren, liegt der Reflex der Bewertung nahe. Wenn überhaupt, und es ist zumindest gefährlich, das zu tun, sollten Kulturen anhand ihrer postulierten Werte verglichen werden. Eine Kultur, die sich auf die Abwertung anderer stützt, hat damit eine entscheidende Schwäche: Sie kann nicht aus sich selbst heraus existieren, denn sie benötigt ‘Die Anderen’ um sich selbst zu definieren. Sie bestimmt sich nicht durch innere Gemeinsamkeit sondern durch den Unterschied nach außen. Was es Mitgliedern solcher Gemeinschaften schwierig macht, sich in andere Kulturen zu integrieren, weil sie damit ihre Untershiedlichkeit aufgeben würden.

Solch ein Abgrenzungsverhalten ist tolerierbar und eigentlich harmlos, bedeutet es doch lediglich eine Selbstbeschränkung derer, die es an den Tag legen. Diese Leute sprechen nicht mit Außenstehenden und das ist in Ordnung. Bedenklich wird es, wenn sie doch mit anderen sprechen und dabei zu Imperativen und Parolen greifen. Und wenn neben Angst auch noch Gewalt Teil ihrer Kultur ist, wird es gefährlich. Diese fundamentalistischen Kulturen sind schwierig im Umgang, denn anders als offene Kulturen, die man annehmen kann und dann durch seine Teilnahme bereichert und verändert, verwehren sich fundamentalistische Kreise der Veränderung.

Solche Gruppen sind ein fester Bestandteil jeder gut funktionierenden Gesellschaft, die ihren Mitgliedern Meinungsfreiheit gewährt. Wenn diese Gruppen anfangen, die sie umgebende Gesellschaft in Frage zu stellen, ist die Gesellschaft gefordert, Antworten zu liefern. Oder zumindest Alternativen aufzuzeigen. Das ist anstrengend, besonders wenn man sich klar macht, dass die Gesellschaft aus Individuen besteht und man selbst eines davon ist. Nazis sind scheiße und die meisten von ihnen wissen das auch tief in ihrem Inneren. Die einzige Möglichkeit ihnen zu begenen, die ich sehe, ist ihnen klar zu machen, dass sie sich irgendwann dazu entschlossen haben sich dieser Kultur anzuschließen und dass es andere gibt, die mindestens genauso identitätsstiftend sind. Das ist anstrengend, wahrscheinlich frustrierend, möglicherweise gefährlich. Oder wir können die Klappe halten und überrascht tun, wenn die AfD in den Bundestag einzieht.

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