Overwatch

Ich hänge am Netz, mit reduzierter Bandbreite, ohne Drogen. Ich sehe etwa ein Prozent dessen, was Leute mit Implantaten bekommen. Echtzeit, aber rein passiv. Es ist frustrierend. Natürlich bin ich sicher, dass ich sehen würde, wenn die Situation um Hektor herum eskaliert. Aber so lange nichts schief läuft, würde ich ihn nicht mal bemerken, wenn ich im Realraum neben ihm am Ufer stände. Von hier im Netz mitzubekommen, was da draußen passiert ist aussichtslos. Und selbst wenn nicht, ich wäre machtlos mit meiner passiven Schnittstelle. Was tue ich also hier? Susanna scheint das gleiche zu denken:

“Dacht’ ich’s mir doch, dass ich dich hier finde.” Sagt sie, als sie ungebeten eintritt. “Philhipp meint, ich soll mir ein eigenes Projekt suchen.” Sie klettert über mich und rollt sich bäuchlings in die obere Hängematte. “Ich dachte dabei an unsere Experimente mit deiner Drohnensteuerung und den alten Kampfanzügen, die wir noch von den Russen haben.”

Ich bin unbeeindruckt, aber froh über die Ablenkung. Als wir das Schiff damals gekapert haben, war noch viel militärisches Gerät an Bord, unter anderem ein Dutzend Kampfanzüge, gepanzerte Exoskelette. Wir hatten das Interface gehackt und über Funk mit meiner Drohensteuerung verbunden. Nach etwas Übung konnte ich den leeren Anzug tanzen lassen, es war unwirklich. Nicht so dynamisch wie der Heli, aber mit deutlich mehr Ausdruck. Dass der Anzug Hände hatte, hat geholfen. Mit links signalisiere ich Susanna fortzufahren, während ich mit der anderen Hand die Thermosflasche mit dem Tee suche. “Tee?” frage ich und sie greift zu.

“Danke. Ich weiß, dass die Anzüge in fast allen Aspekten deinem Heli unterlegen sind. Und dass die Funkfernsteuerung völlig unbrauchbar für die meisten unserer Einsätze ist, schon wegen der Möglichkeit, sie anzupeilen.” Susanna gießt sich Tee ein und schafft es dabei, mich nicht damit zu überschütten. “Ich dachte daran, statt eines Funkempfängers sowas wie dein Interface für den Heli im Innern eines der Dinger einzubauen.”

Über den Rand ihre Bechers bewundert sie die Wirkung ihrer Worte auf mich. Sie weiß, dass sie mich hat, bevor ich den Mund aufmache. “Du Fuchs! Das wäre…” und mir fehlen die Worte. Zu Glück piept ihr Telefon und während sie ran geht, lasse ich die Möglichkeit einsinken. Diese Anzüge können auf Häuser springen, wie Kaninchen sprinten und das Feuer von Kleinwaffen an sich abprallen lassen. Ihre Sensoren sind eine oder zwei Generationen alt, aber immer noch besser, als alles auf dem zivilen Markt. In so einem Anzug könnte ich mit raus gehen, statt nur zuzuschauen. Susanna legt auf.

“Philhipp braucht mich, wir wollen ein paar Nanoassembler untersuchen. Und er meint, es wäre gut, wenn du uns datenseitig dabei über die Schulter schauen könntest, zur Sicherheit. Ist bestimmt interessanter als der Polizeifunk.” Sie deutet auf meine Datenbrille.

“Und danach machen wir uns Gedanken, wie wir so einen Anzug umbauen können, dass er dir passt. Von diesen russischen Commandos war nämlich keiner größer als einssiebzig oder so. Halt mal.” Und drückt mir ihren Becher in die Hand bevor sie sich kopfüber aus der Matte rollt.

 

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