Wellenreiten

Hektor geht raus. Wir haben uns nach einer letzten Besprechung im Welldeck der Oos verabschiedet und jetzt steht er im Hauptrumpf einer unserer kleinen Proas und paddelt das Boot in Richtung des offenen Hecks. Fast gleichzeitig mit dem Verlassen des Schiffs verschwindet er im Dunkel, aber ich höre noch trotz der Lüfter des Schiffs, wie er das Segel setzt. Er ist auf dem Weg zu Baumeisters Yacht und ich bin ziemlich sicher, dass er zurückkehren wird. Weil ich dieses Mal nämlich auf ihn aufpassen werde.

Mir missfällt die Bezeichnung “Baumeisters Yacht”, denn sie erweckt den Eindruck, wir wüssten, mit wem wir es zu tun haben. Die Person ‘Roosevelt Baumeister’ erweist sich als überaus schwer fassbar. Ich habe Mietverträge, Versicherungsakten, Emaillogs und Handelsregistereinträge gewälzt um ihm auf die Schliche zu kommen. In unserer fragmentierten Gesellschaft ist es erstaunlich schwierig herauszufinden, wer oder was jemand ist. Was ich finden konnte, deutet darauf hin, dass Roosevelt Baumeister eine kleine Firma, Anwaltskanzlei oder so, möglicherweise Vermögensverwaltung, ist. Oder eine Person, die sich als ganze Firma aufspielt. Eventuell eine kleine Firma, die dazu dient, die Aktivitäten einer einzelnen Person zu verschleiern, beziehungsweise zu legitimieren. Oder etwas ganz anderes. Die einzigen gesicherten Erkenntnisse soweit sind, dass vor drei Wochen niemand namens Roosevelt Baumeister existierte und dass die wirklich viel Geld haben.

Ich bevorzuge die Formulierung “Er fährt zum Feind”, denn als solcher stellt sich Baumeister nach der Geschichte mit den Assemblern mir dar. Susanna hat meine Hardware gebaut. Unter anderem meinen Heli, der auf dem Flugdeck bereit steht und darauf wartet, dass ich ins Lagekontrollzentrum gehe, um ihn ebenfalls auf den Weg zur Yacht zu schicken. Ich habe dem Kleinen beigebracht, in den Wellentälern zu fliegen und er wird den ersten Teil der Mission autonom unterwegs sein und eine Warteposition einnehmen, bis Hektor mir das Signal gibt, loszulegen. Bis dahin hält der Heli Funkstille, es wäre unklug, das Ding im Stealthmodus rauszuschicken und dann die ganze Zeit zu senden, nur damit ich mir das nächtliche Meer anschauen kann. Hektor behauptet gerne, er könne den Moment erkennen, in dem ich die Kontrolle über die Drohne übernehme. Der Hubschrauber würde sich dann vor seinen Augen in einen Vogel verwandeln. Seine Worte. In einen großen, wütenden Vogel mit automatischen Geschützen und leichten Raketen, möchte ich hinzufügen.

Hektors Angriffsplan ist gut. Er beruht auf Heimlichkeit und Schnelligkeit, enthält aber gleichzeitig die Option, auf rohe Gewalt zurückzugreifen, sollte etwas schief gehen. Jetzt, wo die Proa und der Heli unterwegs sind und ich mit den Kontrollen der Drohne verbunden bin, sitze ich nur rum. Der Job in der Stadt, bei dem Hektor von einem Patroillenboot angegriffen wurde, erlaubte diese Art der Zusammenarbeit nicht. Hier auf dem offenen Meer kann man sich mit einer bewaffneten Drohne verstecken, im gut überwachten urbanen Luftraum war das nicht möglich. Ich muss einen Weg finden, in solchen Szenarien zu agieren, es war reines Glück, dass das Boot ihn nicht erwischt hat. Dann seine Stimme über Funk:

“Ich bin da, komm rein.”

Ich gebe ihm meine ETA und erwecke den Vogel zum Leben. Ich halte direkt auf den großen Katamaran zu, von Hektor ist nichts zu sehen, weder auf dem Radar noch per Infrarot. Gut. Der Trick mit dem Sprung vom Wellenkamm ist Angeberei, dient aber auch dazu, die Opposition zu beschäftigen. Je länger sie sich fragen, was um sie herum passiert, desto besser. Ich zeige Baumeister, mit wem er es zu tun hat und genieße jede Sekunde. Die Shock- and- Awe Nummer wirkt, Hektor geht unbemerkt an Bord und wir haben das Deck unter Kontrolle, ohne dass ein Schuss abgegeben wurde oder irgendwer verletzt. Ein voller Erfolg und gleichzeitig eine verpasste Gelegenheit. Ich verdränge den Gedanken und stelle sicher, dass ich Hektor nicht anschieße, sollte sich doch noch ein Grund finden, diesen Leuten Grüße im Namen von Susanna, Moira und Philhipp zu übermitteln.

Eine wenig auffällige Frau betritt jetzt das Achterdeck und löst die Pattsituation auf. Sie verhält sich besonnen und kooperativ was ich als zuverlässigeres Zeichen von Intelligenz nehme, als den Doktortitel, den sie ihrem Namen voran stellt. Sie bittet Hektor in den Salon der Yacht und ich schalte von den Richtmikrofonen auf akustische Laserabtastung um. Das war zwar kein expliziter Teil des Plans, aber Hektor weiß, was ich kann und dass ich neugierig bin, von daher nehme ich an, dass er diesen Schritt einfach als selbstverständlich annimmt. Außerdem will ich hören können, wenn die Situation eskaliert.

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