Smooth Sailing

Ich sitze auf einer Proa. Das ist ein alter polynesischer Bootstyp, so eine Art asymmetrischer Katamaran mit einem großen und einem kleinen Rumpf. Das Design stammt aus der Steinzeit und war schon immer schnell. Eine Proa, die mit modernen Mitteln gebaut wurde, ist so ziemlich das schnellste, was man praktisch segeln kann. Die rechte Hand am Ruder, in der Linken die vibrierende Großschot sind meine Gedanken bei Moira, der Fischerin, die wir im Angriff durch die Nanoassembler verloren haben. Die beiden Techniker, Phillhipp und Susanna, sind auch ein herber Verlust. Unsere beiden besten Leute auf dem Gebiet und Phillhip war gerade mal neunzehn. Auch wenn niemand unersetzlich ist, die beiden waren nah dran, es zu sein. Aber ich sitze auf einem Boot und denke an Moira, denn von ihr habe ich segeln gelernt. Unsere Fischer sind mehr als Fischer. Sie gehen mit kleinen Booten raus und tun ihre Arbeit und erzählen zuhause vom Meer. Wir fischen nicht nur, um uns zu ernähren, dazu könnten wir einfach ein Schleppnetz an die Oos hängen und hätten an einem Tag genug Fisch für einen Monat. Wir fischen mit kleinen Booten, weil wir Meeresbewohner sind. Wir segeln, weil wir es können. Ist ein kulturelles Ding. Außerdem ist in unseren Proas nicht ein Stück Metall verbaut, die Dinger siehst du auf keinem Radar der Welt, selbst wenn wir im Schwarm kommen.

Aber heute Nacht, unterwegs zu Baumeisters Katamaran, fahre ich nicht im Schwarm. Die Oos liegt unbeleuchtet auf halber Streck zwischen mir und dem Horizont, die anderen Boote und Schiffe liegen beigedreht dahinter. Gleich steigt Sal mit einem ferngesteuerten Kleinhubschrauber auf, um zur Stelle zu sein, wenn ich die Yacht erreiche und dort in Schwierigkeiten geraten sollte. Mit ihrem Heli ist sie imstande, Baumeisters Segelboot brennend in die Tiefe zu schicken und nach der Geschichte mit Susanna, Phillhipp und Moira braucht es meine Anwesenheit auf Baumeisters Boot, um sie davon abzuhalten. Mehr von unseren Leuten hier draußen zu haben, würde die Lage unnötig verkomplizieren, Sal ist nicht als einzige wütend.

Dazu, dass ich allein bin, bin ich auch nur leicht bewaffnet: Ein Messer trage ich mit dem Griff nach unten am linken Oberarm, ein zweites an der rechten Wade, Innenseite, damit ich auch mit der linken Hand gut da ran komme. Die Messer sind identisch, zwei schlanke, leicht geschwungene Klingen, schwer genug, sie zu werfen, spitz genug, um mit leichter Körperpanzerung klar zu kommen und lang genug, um auch auch das Herz eines fettleibigen Gegners zu erreichen, ohne mir Sorgen wegen seiner Rippen machen zu müssen. Björn wollte mir einer seiner Kanonen aufdrängen, aber erfahrungsgemäß gestalten sich Situationen, in denen Schusswaffen nützlich sind, dahingehend, dass genügend andere Leute aufkreuzen, die welche mitbringen, von denen ich mir bei Bedarf eine nehme. Außerdem stören Pistolen beim Schwimmen. Statt eine Schusswaffe hängt auf meinem Rücken ein sehr kurzer Speer, oder ein drittes Messer mit einem langen Griff, je nach Perspektive. Genau das richtige für den Kampf an Bord eines engen Boots.

Wobei ich fast sicher bin, dass es nicht dazu kommen wird. Baumeister weiß, dass wir kommen, und dass er auf seinem Boot keine Chance hätte, wenn wir ihm ans Leder wollten.

Minuten später bin ich nah genug dran, um zu erkennen, dass zwei Wachen an Deck patroullieren. Ich funke Sal an:

“Ich bin da, komm rein.”

“ETA fünfzehn Sekunden. Viel Glück, mein lieber.”

Und sie kommt rein. Einige hundert Meter Backbord querab von mir erwacht der Heli aus dem Flüstermodus. Er hat die Abmessungen eines großen Motorrads aber das Geplatter der Doppelrotoren klingt nach einer wesentlich größeren Maschine. Sie fliegt tief, schaltet die Suchscheinwerfer ein und lässt den Rumpf wie einen flachen Stein vom Kamm einer Welle abprallen, was eine dramatisch Fontäne erzeugt und den Heli in einer erstaunlich anmutigen Rolle über Baumeisters Katamaran wirft. Steuerbord querab davon verharrt sie in der Luft, die Scheinwerfer und Bordgeschütze auf die Wachen gerichtet.

Der Auftritt tut seine Wirkung, keiner bemerkt, wie ich mit dem Speer in der Hand die Yacht über die Backbordbadeplattform betrete und meine Proa mit einem Schnapphaken an der Heckreling fest mache. Sal geht wieder in den Flüstermodus.

“Guten Abend, die Herren, ich bin gekommen, um mit Roosevelt Baumeister zu sprechen.” Die beiden schrecken herum, lassen die Waffen aber gesenkt. Sal wechselt subtil die Position um sicher zu gehen, dass sie mich nicht trifft, sollte sie das Feuer eröffnen. Ich fahre fort:

“Die Frau mit dem Helikopter möchte dieses Boot versenken, wird aber davon absehen, solange ich an Bord bin und mir nichts geschieht. Ich schlage vor, dass sie ihre Waffen ins Meer werfen.”

Wasser plätschert am Rumpf, das Rauschen der Rotoren ist kaum zu hören, das Segel meiner Proa schlägt im Wind.  Eine Frau, einen Kopf größer als ich, hager, untrainiert, unbewaffnet, betritt das großzügig gestaltete Achterdeck. Sie fasst einen Handlauf, nickt mir zu und wendet sich an die Wachen:

“Tut was er sagt und dann geht auf das Vorschiff, wo der Hubschrauber euch im Blick hat.” Zu mir: “Ich nehme an, sie kommen von der Revitailleur. Ich bin Doktor Christine Friedrich und vertrete hier Roosevelt Baumeister, bitte folgen sie mir in den Salon.”

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