Monthly Archives: November 2015

Overwatch

Ich hänge am Netz, mit reduzierter Bandbreite, ohne Drogen. Ich sehe etwa ein Prozent dessen, was Leute mit Implantaten bekommen. Echtzeit, aber rein passiv. Es ist frustrierend. Natürlich bin ich sicher, dass ich sehen würde, wenn die Situation um Hektor herum eskaliert. Aber so lange nichts schief läuft, würde ich ihn nicht mal bemerken, wenn ich im Realraum neben ihm am Ufer stände. Von hier im Netz mitzubekommen, was da draußen passiert ist aussichtslos. Und selbst wenn nicht, ich wäre machtlos mit meiner passiven Schnittstelle. Was tue ich also hier? Susanna scheint das gleiche zu denken:

“Dacht’ ich’s mir doch, dass ich dich hier finde.” Sagt sie, als sie ungebeten eintritt. “Philhipp meint, ich soll mir ein eigenes Projekt suchen.” Sie klettert über mich und rollt sich bäuchlings in die obere Hängematte. “Ich dachte dabei an unsere Experimente mit deiner Drohnensteuerung und den alten Kampfanzügen, die wir noch von den Russen haben.”

Ich bin unbeeindruckt, aber froh über die Ablenkung. Als wir das Schiff damals gekapert haben, war noch viel militärisches Gerät an Bord, unter anderem ein Dutzend Kampfanzüge, gepanzerte Exoskelette. Wir hatten das Interface gehackt und über Funk mit meiner Drohensteuerung verbunden. Nach etwas Übung konnte ich den leeren Anzug tanzen lassen, es war unwirklich. Nicht so dynamisch wie der Heli, aber mit deutlich mehr Ausdruck. Dass der Anzug Hände hatte, hat geholfen. Mit links signalisiere ich Susanna fortzufahren, während ich mit der anderen Hand die Thermosflasche mit dem Tee suche. “Tee?” frage ich und sie greift zu.

“Danke. Ich weiß, dass die Anzüge in fast allen Aspekten deinem Heli unterlegen sind. Und dass die Funkfernsteuerung völlig unbrauchbar für die meisten unserer Einsätze ist, schon wegen der Möglichkeit, sie anzupeilen.” Susanna gießt sich Tee ein und schafft es dabei, mich nicht damit zu überschütten. “Ich dachte daran, statt eines Funkempfängers sowas wie dein Interface für den Heli im Innern eines der Dinger einzubauen.”

Über den Rand ihre Bechers bewundert sie die Wirkung ihrer Worte auf mich. Sie weiß, dass sie mich hat, bevor ich den Mund aufmache. “Du Fuchs! Das wäre…” und mir fehlen die Worte. Zu Glück piept ihr Telefon und während sie ran geht, lasse ich die Möglichkeit einsinken. Diese Anzüge können auf Häuser springen, wie Kaninchen sprinten und das Feuer von Kleinwaffen an sich abprallen lassen. Ihre Sensoren sind eine oder zwei Generationen alt, aber immer noch besser, als alles auf dem zivilen Markt. In so einem Anzug könnte ich mit raus gehen, statt nur zuzuschauen. Susanna legt auf.

“Philhipp braucht mich, wir wollen ein paar Nanoassembler untersuchen. Und er meint, es wäre gut, wenn du uns datenseitig dabei über die Schulter schauen könntest, zur Sicherheit. Ist bestimmt interessanter als der Polizeifunk.” Sie deutet auf meine Datenbrille.

“Und danach machen wir uns Gedanken, wie wir so einen Anzug umbauen können, dass er dir passt. Von diesen russischen Commandos war nämlich keiner größer als einssiebzig oder so. Halt mal.” Und drückt mir ihren Becher in die Hand bevor sie sich kopfüber aus der Matte rollt.

 

Wellenreiten

Hektor geht raus. Wir haben uns nach einer letzten Besprechung im Welldeck der Oos verabschiedet und jetzt steht er im Hauptrumpf einer unserer kleinen Proas und paddelt das Boot in Richtung des offenen Hecks. Fast gleichzeitig mit dem Verlassen des Schiffs verschwindet er im Dunkel, aber ich höre noch trotz der Lüfter des Schiffs, wie er das Segel setzt. Er ist auf dem Weg zu Baumeisters Yacht und ich bin ziemlich sicher, dass er zurückkehren wird. Weil ich dieses Mal nämlich auf ihn aufpassen werde.

Mir missfällt die Bezeichnung “Baumeisters Yacht”, denn sie erweckt den Eindruck, wir wüssten, mit wem wir es zu tun haben. Die Person ‘Roosevelt Baumeister’ erweist sich als überaus schwer fassbar. Ich habe Mietverträge, Versicherungsakten, Emaillogs und Handelsregistereinträge gewälzt um ihm auf die Schliche zu kommen. In unserer fragmentierten Gesellschaft ist es erstaunlich schwierig herauszufinden, wer oder was jemand ist. Was ich finden konnte, deutet darauf hin, dass Roosevelt Baumeister eine kleine Firma, Anwaltskanzlei oder so, möglicherweise Vermögensverwaltung, ist. Oder eine Person, die sich als ganze Firma aufspielt. Eventuell eine kleine Firma, die dazu dient, die Aktivitäten einer einzelnen Person zu verschleiern, beziehungsweise zu legitimieren. Oder etwas ganz anderes. Die einzigen gesicherten Erkenntnisse soweit sind, dass vor drei Wochen niemand namens Roosevelt Baumeister existierte und dass die wirklich viel Geld haben.

Ich bevorzuge die Formulierung “Er fährt zum Feind”, denn als solcher stellt sich Baumeister nach der Geschichte mit den Assemblern mir dar. Susanna hat meine Hardware gebaut. Unter anderem meinen Heli, der auf dem Flugdeck bereit steht und darauf wartet, dass ich ins Lagekontrollzentrum gehe, um ihn ebenfalls auf den Weg zur Yacht zu schicken. Ich habe dem Kleinen beigebracht, in den Wellentälern zu fliegen und er wird den ersten Teil der Mission autonom unterwegs sein und eine Warteposition einnehmen, bis Hektor mir das Signal gibt, loszulegen. Bis dahin hält der Heli Funkstille, es wäre unklug, das Ding im Stealthmodus rauszuschicken und dann die ganze Zeit zu senden, nur damit ich mir das nächtliche Meer anschauen kann. Hektor behauptet gerne, er könne den Moment erkennen, in dem ich die Kontrolle über die Drohne übernehme. Der Hubschrauber würde sich dann vor seinen Augen in einen Vogel verwandeln. Seine Worte. In einen großen, wütenden Vogel mit automatischen Geschützen und leichten Raketen, möchte ich hinzufügen.

Hektors Angriffsplan ist gut. Er beruht auf Heimlichkeit und Schnelligkeit, enthält aber gleichzeitig die Option, auf rohe Gewalt zurückzugreifen, sollte etwas schief gehen. Jetzt, wo die Proa und der Heli unterwegs sind und ich mit den Kontrollen der Drohne verbunden bin, sitze ich nur rum. Der Job in der Stadt, bei dem Hektor von einem Patroillenboot angegriffen wurde, erlaubte diese Art der Zusammenarbeit nicht. Hier auf dem offenen Meer kann man sich mit einer bewaffneten Drohne verstecken, im gut überwachten urbanen Luftraum war das nicht möglich. Ich muss einen Weg finden, in solchen Szenarien zu agieren, es war reines Glück, dass das Boot ihn nicht erwischt hat. Dann seine Stimme über Funk:

“Ich bin da, komm rein.”

Ich gebe ihm meine ETA und erwecke den Vogel zum Leben. Ich halte direkt auf den großen Katamaran zu, von Hektor ist nichts zu sehen, weder auf dem Radar noch per Infrarot. Gut. Der Trick mit dem Sprung vom Wellenkamm ist Angeberei, dient aber auch dazu, die Opposition zu beschäftigen. Je länger sie sich fragen, was um sie herum passiert, desto besser. Ich zeige Baumeister, mit wem er es zu tun hat und genieße jede Sekunde. Die Shock- and- Awe Nummer wirkt, Hektor geht unbemerkt an Bord und wir haben das Deck unter Kontrolle, ohne dass ein Schuss abgegeben wurde oder irgendwer verletzt. Ein voller Erfolg und gleichzeitig eine verpasste Gelegenheit. Ich verdränge den Gedanken und stelle sicher, dass ich Hektor nicht anschieße, sollte sich doch noch ein Grund finden, diesen Leuten Grüße im Namen von Susanna, Moira und Philhipp zu übermitteln.

Eine wenig auffällige Frau betritt jetzt das Achterdeck und löst die Pattsituation auf. Sie verhält sich besonnen und kooperativ was ich als zuverlässigeres Zeichen von Intelligenz nehme, als den Doktortitel, den sie ihrem Namen voran stellt. Sie bittet Hektor in den Salon der Yacht und ich schalte von den Richtmikrofonen auf akustische Laserabtastung um. Das war zwar kein expliziter Teil des Plans, aber Hektor weiß, was ich kann und dass ich neugierig bin, von daher nehme ich an, dass er diesen Schritt einfach als selbstverständlich annimmt. Außerdem will ich hören können, wenn die Situation eskaliert.

Was ist hier eigentlich los – So ‘ne Art Vorwort

Anfang 2013 habe ich einen Roman nicht geschrieben. Die Prämisse dafür enthielt die Personen Gibert Chevallier und Christine Friedrich. Das erste Kapitel des romans habe ich letztens stilistisch vollständig überarbeitet, es ist jetzt der Text “Touchdown”.

Ein anderer erster Text die sehr techniklastige Kurzgeschichte “Neoprimitive”, die ich unter dem Eindruck von William Gibsons “The Peripheral” und Ann Leckies “Ancillary Justice” spontan heruntergeschrieben habe (Der Protagonist heißt übrigens Hektor, eine Tatsache, die bis jetzt nirgends erwähnt wird). Für die Weiterentwicklung dieser Geschichte habe ich mich an Teilen des 2013er Entwurfs bedient. Hektors Geschichte ist jedoch inzwischen so weit gediehen, dass sie mit der ursprünglichen Idee aus 2013 nicht mehr kompatibel ist. Gleichzeitig möchte ich das Originalkonzept aber nicht aufgeben, so dass hier gerade zwei Geschichten parallel entstehen, die sich mit unterschiedlichen Aspekten von Technologie und Gesellschaft auseinander setzen.

Hektors Handlungsstrang umfasst die Geschichten:

Wobei “Touchdown” eingeklammert ist, weil sich inzwischen herausstellt, das dieses Fragment weder im ‘Christine Friedrich’ Handlungsfaden noch im Umfeld von Hektors Geschichte besonders viel Sinn ergibt. Das Kapitel ist aber zur Zeit noch nötig als Vorbereitung für “Jörgensen AB” und außerdem mag ich die Action. Natürlich gibt es noch weitere Kinken auszubügeln, aber ich habe beschlossen, erstmal loszuschreiben und es später glatt zu ziehen.

Als dritte Zutat gibt es gelegentlich meine Gedanken zu mehr oder weniger aktuellen Themen. Wobei das Konzept aus “Evidenzbasierte Politik” möglicherweise in Form der Selbstorganisation von Hektors Schwarm Eingang in eine der Geschichten findet.

Inzwischen sind zwei Posts im Zusammenhang des 2016 climate fiction contest der Arizona State University dazu gekommen. Der erste Text war ein unausgegorener Entwurf und ist nicht von mir eingereicht worden, er arbeitet jetzt als Hintergrund für meinen Wettbewerbsbeitrag und Hektors Geschichte. Die eigentliche Geschichte habe ich auch übersetzt.

Und es gibt die Abteilung ‘schlimme Ideen‘, in der ich meine Bastelprojekte (halbherzig) dokumentiere.

Evidenzbasierte Politik

Mal was ganz anderes heute: Non Fiction. Trotzdem wahrscheinlich Fantasy. Und vorweg: Was ich hier schreibe ist ausschließlich meins und hat nichts mit Leuten zu tun, die ich hier verlinke. Es ist gut möglich, dass diese meine Vorstellungen nicht vollständig kennen, geschweige denn teilen.

Also gut: Fefe hat die Tage einen Vorschlag zur Verbesserung der Glaubwürdigkeit in der Politik in den Raum gestellt. Ich finde den von ihm beschriebenen Ansatz halb gut und er ähnelt einem Konzept, das mir beim durcharbeiten dieser unerfreulichen Serie zum Zustand der modernen Demokratie auf heise Telepolis in den Sinn kam.

Fefe schlägt vor, neue Gesetze mit harten, überprüfbaren Zielen zu verknüpfen und darüber hinaus festzulegen, welcher Minister mit seinem Posten zur Rechenschaft gezogen wird, sollte ein Gesetz sein Ziel verfehlen. Das Konzept gefällt mir insofern, als dass Evidenz und nachweisbare Wirksamkeit in der Realpolitik tatsächlich vergleichsweise kurz kommen. Gleichzeitig finde ich, dass Fefes Ansatz die Relevanz von Ministern überschätzt und einige organisatorisch Fragen unbeantwortet lässt, wie beispielsweise das Problem, dass einige Gesetze länger in Kraft sind als die durchschnittliche Ministerkarriere. Und dass einzelne Minister nur eine begrenzte Zahl von Rücktritten liefern können.

Stattdessen schlage ich vor, Gesetze an messbare Kriterien ihrer Wirksamkeit zu koppeln und gleichzeitig mit einer maximalen Laufzeit zu versehen. Spätestens nach Ablauf dieser Frist muss geprüft werden, ob das Gesetz seine gewünschte Wirkung entfaltet, und selbst dann darf es nur verlängert werden, wenn das Parlament zum Schluss kommt, dass diese Wirkung weiterhin erwünscht ist und die festgestellten Nebenwirkungen es wert sind. Bei offensichtlicher Unwirksamkeit oder eklatanter Schadwirkung sollte ein Gesetz jederzeit durch das Parlament abgeschafft werden können. Findet die Prüfung aus irgendwelchen Gründen nicht fristgerecht statt, läuft ein Gesetz automatisch aus. Gleichzeitig müssen bestehende Gesetze in diese Regelung integriert und bei zweifelhafter Wirkung abgeschafft werden.

Ich denke, dass dieses Vorgehen einige positive Nebeneffekte mit sich bringen würde. Zum einen ist anzunehmen, dass es eine maximale verwaltbare Zahl gleichzeitig wirksamer Gesetze gibt, die deutlich unterhalb der Zahl der aktuell gültigen liegt. Die neue Belastung für Juristen, wegfallende Gesetze im Blick zu halten, wird meiner Meinung nach durch geringere Gesamtzahl gültiger Gesetze ausgeglichen. Es ist weiterhin anzunehmen, dass Gesetzestexte, die das Ziel der Überprüfbarkeit verfolgen, deutlich leichter zu interpretieren sind, als man das von herkömmlichen juristischen Texten gewohnt ist. Außerdem bietet die Verpflichtung, mit einem Gesetzentwurf die verfolgten Absichten zu formulieren, Parteien die Chance, wieder ein erkennbares Profil auszubilden, und das nicht nur bei der Verabschiedung neuer Gesetze, sondern auch bei der Prüfung bestehender. Insgesamt halte ich eine evidenzbasierte Gesetzgebung ein gutes Mittel gegen gefährliche Dogmen und unausgegorene Schnellschüsse.

Natürlich fehlt die im Originalentwurf vorhandene Komponente, die den Erfolg eines Gesetzes mit den ganz persönlichen Interessen einer verantwortlichen Person verknüpft. Da Angst jedoch als schlechter Berater gilt, halte ich dieses Element für verzichtbar.

Ich denke nicht, dass dieser Entwurf zu meinen Lebzeiten Realität wird und ziehe auch die Möglichkeit, von Fefe hart getrollt worden zu sein in Betracht, finde aber das Konzept zu gut, um es unaufgeschrieben zu lassen.

 

Verzweifelte Maßnahmen

Redaktionelle Anmerkung: Der folgende Text ist ein Fragment, das gerade chronologisch nicht in die Handlung passt, mir aber seit zwei Tagen im Kopf herumspukt.

Taktische Besprechung in Björns Kabine. Er schlägt vor, dass wir meine Schwester Hekate in einer Kiste verstecken, die wir der Opposition unterjubeln. Die alte Trojanernummer. Er will meine Meinung hören. Ich versuche, diplomatisch zu sein.

“Gequirlte Scheiße. Im Ernst, wir packen Kate nicht in eine Kiste. Natürlich hast du Recht, in Ruhe und mit Blutdoping hält sie locker zwei Stunden da drin durch. Mit einem diskreten Luftloch länger, wenn wir uns darauf verlassen können, dass die keine CO2 Sensoren haben. Und es stimmt, sie könnte es mit einer beträchtlichen Zahl Wachen aufnehmen, sie ist immerhin meine Schwester und ich trainiere mit ihr. Ich denke sogar, dass sie einen taktischen Vorteil hätte, wenn die Opposition erkennt, auf wen sie da schießen. Sie ist unsere stärkste Kämpferin, ich könnte mir niemad besseren für den Job vorstellen und sie ist die einzige, die in die Kiste passt.”

Ich muß wohl aufgestanden sein, wende mich wieder Bernd zu:

“Aber weißt du, was sie auch ist? Eine verdammte Zwölfjährige!”

Er zieht die linke Augenbraue hoch. Ich gestikuliere.

“Ja, die haben uns bei den Eiern und es ist ernst. Und ja, wir sind Söldner und manchmal Piraten. Aber wir sind keine Scheißdritteweltarmee, die Kinder verheizt! Sind wir nicht! Wenn wir diese Scheiße durchziehen, verlieren wir, egal wie die Aktion ausgeht. Diese Nummer würde uns als Schwarm kaputter machen, als die es je könnten.”

Ich zeige mit ausgetrecktem Arm Richtung Land. Er schaut seinen Schreibtisch an.

“Erwähn’ so einen Plan nie wieder, oder Kate geht von Bord. Und ich mit ihr.”

Er wischt sich über sein Gesicht, schaut müde zu mir auf, die Hand am Kinn. Dann starrt er den Horizont jenseits der Außenwand an. Gefühlt eine Minute lang. Er wendet sich wieder mir zu:

“Du hast Recht Kleiner, der Plan ist Scheiße, sowas machen wir nicht. Keine gute Idee.”

Stille, langes Ausatmen. “Ich sollte segeln gehen.”

Er steht auf.

“Du übernimmst hier für mich.” Und er nimmt seinen Seesack aus dem Spind. Am Schott dreht er sich um, den rechten Zeigefinger erhoben:

“Und wenn ich wiederkomme, hast du die Sache mit Sal geklärt.”

Der Zeigefinger ist jetzt auf mich gerichtet.

“Die… Sache… mit… Sal. Was meinst du? Was ist mit ihr?” Und ich habe wirklich keine Ahnung, was er meinen könnte.

“Du und Sal, Kleiner. Jeder an Bord weiß, was ihr füreinander empfindet. Und ich weiß, dass du nur nicht aus dem Tran kommst, weil du ihr die Angst und Sorgen ersparen willst, wenn du raus gehst.”

Volltreffer. Aber er ist noch nicht fertig:

“Und jetzt sag’ ich dir: Deine Strategie geht nicht auf. Sal verzehrt sich auch jetzt vor Sorge um dich. Und du bist unglücklich. Sieh zu, dass du das in den Griff kriegst.”

Und er ist draußen, auf dem Weg zum Welldeck, wo sein Boot liegt. Ich setze mich an den Schreibtisch. Die Lage ist ernst und mein Admiral geht segeln. Ich sollte mit Sal sprechen.

Smooth Sailing

Ich sitze auf einer Proa. Das ist ein alter polynesischer Bootstyp, so eine Art asymmetrischer Katamaran mit einem großen und einem kleinen Rumpf. Das Design stammt aus der Steinzeit und war schon immer schnell. Eine Proa, die mit modernen Mitteln gebaut wurde, ist so ziemlich das schnellste, was man praktisch segeln kann. Die rechte Hand am Ruder, in der Linken die vibrierende Großschot sind meine Gedanken bei Moira, der Fischerin, die wir im Angriff durch die Nanoassembler verloren haben. Die beiden Techniker, Phillhipp und Susanna, sind auch ein herber Verlust. Unsere beiden besten Leute auf dem Gebiet und Phillhip war gerade mal neunzehn. Auch wenn niemand unersetzlich ist, die beiden waren nah dran, es zu sein. Aber ich sitze auf einem Boot und denke an Moira, denn von ihr habe ich segeln gelernt. Unsere Fischer sind mehr als Fischer. Sie gehen mit kleinen Booten raus und tun ihre Arbeit und erzählen zuhause vom Meer. Wir fischen nicht nur, um uns zu ernähren, dazu könnten wir einfach ein Schleppnetz an die Oos hängen und hätten an einem Tag genug Fisch für einen Monat. Wir fischen mit kleinen Booten, weil wir Meeresbewohner sind. Wir segeln, weil wir es können. Ist ein kulturelles Ding. Außerdem ist in unseren Proas nicht ein Stück Metall verbaut, die Dinger siehst du auf keinem Radar der Welt, selbst wenn wir im Schwarm kommen.

Aber heute Nacht, unterwegs zu Baumeisters Katamaran, fahre ich nicht im Schwarm. Die Oos liegt unbeleuchtet auf halber Streck zwischen mir und dem Horizont, die anderen Boote und Schiffe liegen beigedreht dahinter. Gleich steigt Sal mit einem ferngesteuerten Kleinhubschrauber auf, um zur Stelle zu sein, wenn ich die Yacht erreiche und dort in Schwierigkeiten geraten sollte. Mit ihrem Heli ist sie imstande, Baumeisters Segelboot brennend in die Tiefe zu schicken und nach der Geschichte mit Susanna, Phillhipp und Moira braucht es meine Anwesenheit auf Baumeisters Boot, um sie davon abzuhalten. Mehr von unseren Leuten hier draußen zu haben, würde die Lage unnötig verkomplizieren, Sal ist nicht als einzige wütend.

Dazu, dass ich allein bin, bin ich auch nur leicht bewaffnet: Ein Messer trage ich mit dem Griff nach unten am linken Oberarm, ein zweites an der rechten Wade, Innenseite, damit ich auch mit der linken Hand gut da ran komme. Die Messer sind identisch, zwei schlanke, leicht geschwungene Klingen, schwer genug, sie zu werfen, spitz genug, um mit leichter Körperpanzerung klar zu kommen und lang genug, um auch auch das Herz eines fettleibigen Gegners zu erreichen, ohne mir Sorgen wegen seiner Rippen machen zu müssen. Björn wollte mir einer seiner Kanonen aufdrängen, aber erfahrungsgemäß gestalten sich Situationen, in denen Schusswaffen nützlich sind, dahingehend, dass genügend andere Leute aufkreuzen, die welche mitbringen, von denen ich mir bei Bedarf eine nehme. Außerdem stören Pistolen beim Schwimmen. Statt eine Schusswaffe hängt auf meinem Rücken ein sehr kurzer Speer, oder ein drittes Messer mit einem langen Griff, je nach Perspektive. Genau das richtige für den Kampf an Bord eines engen Boots.

Wobei ich fast sicher bin, dass es nicht dazu kommen wird. Baumeister weiß, dass wir kommen, und dass er auf seinem Boot keine Chance hätte, wenn wir ihm ans Leder wollten.

Minuten später bin ich nah genug dran, um zu erkennen, dass zwei Wachen an Deck patroullieren. Ich funke Sal an:

“Ich bin da, komm rein.”

“ETA fünfzehn Sekunden. Viel Glück, mein lieber.”

Und sie kommt rein. Einige hundert Meter Backbord querab von mir erwacht der Heli aus dem Flüstermodus. Er hat die Abmessungen eines großen Motorrads aber das Geplatter der Doppelrotoren klingt nach einer wesentlich größeren Maschine. Sie fliegt tief, schaltet die Suchscheinwerfer ein und lässt den Rumpf wie einen flachen Stein vom Kamm einer Welle abprallen, was eine dramatisch Fontäne erzeugt und den Heli in einer erstaunlich anmutigen Rolle über Baumeisters Katamaran wirft. Steuerbord querab davon verharrt sie in der Luft, die Scheinwerfer und Bordgeschütze auf die Wachen gerichtet.

Der Auftritt tut seine Wirkung, keiner bemerkt, wie ich mit dem Speer in der Hand die Yacht über die Backbordbadeplattform betrete und meine Proa mit einem Schnapphaken an der Heckreling fest mache. Sal geht wieder in den Flüstermodus.

“Guten Abend, die Herren, ich bin gekommen, um mit Roosevelt Baumeister zu sprechen.” Die beiden schrecken herum, lassen die Waffen aber gesenkt. Sal wechselt subtil die Position um sicher zu gehen, dass sie mich nicht trifft, sollte sie das Feuer eröffnen. Ich fahre fort:

“Die Frau mit dem Helikopter möchte dieses Boot versenken, wird aber davon absehen, solange ich an Bord bin und mir nichts geschieht. Ich schlage vor, dass sie ihre Waffen ins Meer werfen.”

Wasser plätschert am Rumpf, das Rauschen der Rotoren ist kaum zu hören, das Segel meiner Proa schlägt im Wind.  Eine Frau, einen Kopf größer als ich, hager, untrainiert, unbewaffnet, betritt das großzügig gestaltete Achterdeck. Sie fasst einen Handlauf, nickt mir zu und wendet sich an die Wachen:

“Tut was er sagt und dann geht auf das Vorschiff, wo der Hubschrauber euch im Blick hat.” Zu mir: “Ich nehme an, sie kommen von der Revitailleur. Ich bin Doktor Christine Friedrich und vertrete hier Roosevelt Baumeister, bitte folgen sie mir in den Salon.”