Plastikfische

Ich liege in einer Hängematte, aufgespannt in der Ecke einer Kabine im Wohntrakt unseres Schiffes, der OOS* Ravitallieur. Die Kabine  ist die Wohnung von Sal und die Ravitailleur ein ehemaliger Helikopterträger der Mistral Klasse. Lange Geschichte. Die Wände sind mit technischen Zeichnungen dekoriert. Sal liegt knapp einen Meter unter mir in einer weiteren Hängematte. Sie ist bei uns für Daten zuständig. Ohne Implantat benutzen wir altmodische Datenbrillen. Und ein Ketamin- Amphetaminderivat, als Beschleuniger. Das erlaubt uns nicht das direkte Erleben des Netzes, wie Implantate es ermöglichen, aber dies Krücke hat auch ihre Vorteile. Allerdings nicht nur: Das Interface ist Bullshit. Mit unsere Technologie kann sich jeder seine Visualisierung des Netzes selbst machen, aber wieso Sal beschlossen hatte, für ihr Interface diese Cartoonunterwasserwelt zu wählen, ist mir unbegreiflich. Die Fische in dieser Simulation wirken auf fast schmerzhafte Weise künstlich, wie sie versuchen, das Verhalten von Datenströmen abzubilden. Sal scheint damit keine Probleme zu haben:

“Ok, hier dieses kleine Riff ist der Server von SecuriCorp. Deren eigener Traffic wird passenderweise durch blaue Fische dargestellt. Das Log, das wir hier sehen, ist jetzt sechs Tage alt.”

Auch mit Drogenunterstützung ist unsere Technologie nicht leistungsfähig genug, um Hacking in Echtzeit zu ermöglichen, deshalb stützen wir uns auf historische Daten. Sie doziert weiter:

“Hier diese Bohrmuschel, siehst du? Ich denke, die war’s.”

Scheinbar aus dem Nichts materialisiert sich eine grellgrüne Bohrmuschel und beginnt sofort, sich in artuntypischer Weise im Riff zu vergraben. Ich ziehe mein Gesicht aus der Datenbrille.

“Sal, gehst du mir eigentlich absichtlich mit deinen Plastikviechern auf den Sack? Sag mir einfach, was du gefunden hast, ja?” Ich dreh mich halb aus der Hängematte, um sie anzusehen.

“Hey ich wollt’ nur… Ach scheiß drauf.” Und schiebt grinsend die eigene Brille in die Stirn. “Also, ich hab’s auslesen können, was die Muschel da getan hat.”

Kunstpause, erwartungsvoller Blick aus geröteten Augen. Ich schlucke den Köder und hake nach. Sal fährt fort, ihre schmalen Hände in ständiger Bewegung, als wollten sie die bunten Fische ersetzen:

“Jemand hat Code eingeschleust, um die nächste Aktualisierung der Routenpläne der Patrouillenboote abzufangen und eine eigene Version auszuliefern. Eine die sicherstellte, dass immer mindestens eine der Drohnen in Reichweite deines Kunden von vorgestern war.”

“Und du weißt auch, wer?”

“Kein Schimmer, ich bin nur ziemlich sicher, dass keine Verbindung zu Roosevelt Baumeister besteht.”

“Ok, das ist auch schon was. Danke, Sal, gute Arbeit. Hau’ dich hin, bevor du da tiefer rein gehst.”

Sie schläft ein, bevor ich aus dem Raum bin. Ich wünsche ihr gute Träume und decke sie mit ihrem Schlafsack zu, dimme das Licht.

Wenn’s bis jetzt nicht klar ist, der Job vorgestern war ein Debakel erster Güte. Wir haben zwei Techniker und eine Fischerin verloren, als die Nanoassembler, die Baumeister uns gegeben hatte, anfingen, über ihre Umgebung herzufallen. Die Werkstatt ist auch beschädigt, aber reparabel. Das war die eine Hälfte der Falle. Bei mir wurde es interessant, als das Implantat meiner Zielperson das Nervengift spürte und automatisch die Bullen rief. Das war einkalkuliert. Dass sie unter anderem mit einem autonomen Boot auftauchten, welches mit seinen Geschützen schwere Gebäudeschäden verursachen würde, war ungewöhnlich, von mir nicht vorhergesehen und nach neuesten Erkenntnissen kein Zufall. War knapp für mich, ich musste mich über Land zurückziehen.

Ich will die Implikationen aus Sals Fund mit unserem Kriegshäuptling, manchmal “Admiral”, meist Björn genannt, besprechen. Auch wenn unser Stamm auf Schiffen und Booten lebt, sind wir keine Seeleute im herkömmlichen Sinn und dass wir ein Kriegsschiff fahren, macht uns nicht zu einer Marine. Mehr zu einer Familie, gelegentlich zu einer Söldnertruppe, aber keine ausgewachsene Marine. Nennenswerte Armeen sind selten geworden.

Björn hört sich meine Bericht an und erzählt mir, dass Baumeister seit vorgestern auf seiner Yacht sitzt und damit für uns auf dem Präsentierteller. Wir schließen daraus, dass er entweder davon ausgeht, seine Assembler hätten uns ausgelöscht, wozu sie wahrscheinlich in der Lage gewesen wären, hätten wir sie nicht gestoppt. Oder aber, es bedeutet, dass er nichts von der Sache weiß, was schwer vorstellbar ist. Eine dritte Theorie lautet, dass er ein Idiot ist. Naheliegend aber wenig hilfreich. Dass Sal keine Verbindung zwischen Baumeister und der Drohne findet, wird als Hinweis darauf gedeutet, dass er nicht direkt verantwortlich für diese Nummer ist. Möglicherweise muss er trotzdem dran glauben. Wir sind auf dem Weg zu ihm.

 

*OOS: Our Own Ship, in Anlehnung an das britische HMS (Her Majesty’s Ship), das dort den Namen von Kriegsshiffen vorangestellt wird. Die OOS Ravitailleur wird von ihren Bewohnern meist nur ‘Oos’ (Gesprochen ‘uhs’) genannt.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *