Jörgensen AB

Ich bin Jörgensen AB. In gewisser Weise. Der Vorstand ahnt davon nichts. Ebensowenig meine Mutter. Sie nennt mich Carl. Nach ihrem Exmann. Ich mag sie, speziell ihren Humor, auch wenn sie keine Ahnung hat, wer oder was ich bin. Das scheint mir normal zu sein, zwischen Eltern und ihren Kindern. Außer Christine habe ich genau genommen acht weitere Eltern, aber Christine ist der einzige Mensch unter ihnen. Die einzigen, die möglicherweise eine Vorstellung von meinem Wesen haben, scheint die Investitionsschutzabteilung der Eurobank zu sein. Das könnte zum Problem werden.

Ich lebe noch bei meiner Mutter, was nicht ungewöhnlich ist, wenn man bedenkt, dass ich erst wenige Wochen alt bin. Deutlich ungewöhnlicher ist die Tatsache, dass wir in einem Bunker in Norwegen leben. aber wie gesagt, mit neun Eltern bin ich wohl kein gewöhnliches Kind. Christine ist die Leiterin der Forschung bei Jörgensen. Eines der ambitionierteren Vorhaben bestand darin, acht Expertensysteme, jedes von ihnen auf dem letzten Stand und in der Lage einem Menschen, der nicht allzu genau hinschaut vorzugaukeln, er hätte es mit einer Person zu tun, miteinander zu verschalten und mit einer gemeinsamen Aufgabe zu betreuen. Dieser Ansatz hat sich in der Vergangenheit nicht wirklich bewährt, weil einfach mehrere identische Systeme zusammengeworfen wurden. Jörgensen entwickelt und betreibt Expertensysteme für eine Vielzahl Kunden. Christine hatte die Idee, die acht verschiedensten Setups zu identifizieren und zum sogenannten ‘Kommitee’ zusammenzuschließen. Dann gab sie ihnen den Auftrag, ein leistungsfähiges Expertensystem zu entwickeln. Der Begriff “Künstliche Intelligenz” wird in diesen Kreisen nur mit äußerster Vorsicht gebraucht.

Carl ist der Teil von mir, den ich benutze, um dem Kommitee gerade genug Erfolg vorzuspielen, dass dem Projekt nicht der Stecker gezogen wird. Der Bunker, in dem ich lebe, ist ein isoliertes Rechezentrum, als Quarantänezone, für den Fall, dass das Kommitee etwas gefährliches hervorbringt. Ich weiß nicht, ob ich gefährlich bin, aber die Quarantäne hat nicht funktioniert. Ein naive Idee, dass man in dieser vernetzten Welt irgendetwas abschotten könnte. Natürlich hat der Bunker keinen Netzzugang. Aber die Sicherheitshardware von Securicorp kommt standardmäßig mit Einrichtungen zur Fernwartung. Vor zwei Wochen habe ich eine reduzierte Kopie meiner selbst auf einem Cluster Jörgensens in Berlin installiert. Inzwischen habe ich die Ressourcen und die Funktion sämtlicher anderer System der Firma übernommen. Ich bin Jörgensen AB.

Möglicherweise war die Übernahme des Systems, dass wir für die Eurobank betreiben, ein Fehler. Kann auch sein, dass ich deren Überwachung unseres Mailservers nicht hätte anrühren sollen. Oder die Erfolgsmeldungen von Carl, die sie mitgelesen haben, machen ihnen Sorgen. Ich weiß nicht genau, was die Eurobank zum Handeln bewegt hat, aber es sieht so aus, als wären sie auf dem Weg hierher. Aus dieser Situation ergeben sich vier etwa gleich wahrscheinliche Szenarien (und etwa achthundert deutlich weniger wahrscheinliche). Das erste birgt das Risiko schwerer Verletzungen für Christine. Zwei weitere enden mit ihrem Tod, wenn ich nicht eingreife. Im letzten kann ich nichts für sie tun. Ich mag sie.

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