Touchdown

Mit Gilbert Chevalier geht’s abwärts. Schnell. Aus großer Höhe. Das ist in Ordnung, denn er befindet sich im Innern einer aerodynamischen Hülle, die darüber hinaus Radarstrahlen absorbiert. Einige hundert Meter unter ihm fällt eine bunkerbrechende Bombe deutlich schneller als er, über ihm fliegt der autonome Bomber, der ihn und das andere Projektil eben abgeworfen hat, Richtung Schottland. Am Boden unter Gilbert befindet sich ein eingezäunter Komplex, ein Wachturm an jeder der vier Ecken. In der Mitte ein unscheinbares würfelförmiges Betongebäude. Jeder Turm ist mit einem automatischen Flugabwehrgeschütz mit eigenem Zielerfassungsradar und Laserentfernungsmesser ausgestattet. Gilbert weiß dies, die Bank für die er arbeitet hat sie finanziert. Das alles ist Teil eines Plans, Teil seines Arbeitsalltags.

Gilberts Hülle ist eingeschränkt manövrierfähig und trägt außer ihm noch ein Raketengewehr und ein Dutzend Kleinroboter, die aussehen wie unterarmlange Kakerlaken. Das Design ist Absicht.  Kurz bevor die Geschütze auf den Türmen die fallende Bombe bemerken und ins Visier nehmen, bremst Gilbert seinen Gleiter ab. Als am Boden Alarm ausgelöst wird, gibt er der Hülle den Befehl, sich aufzulösen und sie verwandelt sich in eine Wolke aus verglimmenden Carbonfaserschnipseln. Wunder der Nanotechnologie. Statt einer einzelnen Bombe sieht die Flugabwehr am Boden jetzt vierzehn Ziele und muss die Lage neu einschätzen.

Die Laserentfernungsmesser der Flugabwehrgeschütze flackern wie eine altmodische Lightshow über den Himmel und sind einfache Ziele, wenn man Nachtsicht hat. Hat Gilbert. Implantate. Bevor die Feuerleitcomputer unten sich einigen können, wie die neue Situation einzuschätzen ist, feuert er je eine Rakete auf die beiden nördlichen Türme ab und vollführt ein Ausweichmanöver, der Bunkerbuster, inzwischen auf halbem Weg zwischen ihm und dem Boden, zündet derweil seinen Booster für den Zielanflug.

Die Flugabwehr eröffnet das Feuer auf die Stelle, wo eben noch Gilbert war, erwischt eine Kakerlake. Gilbert nimmt die beiden verbliebenen Türme aufs Korn und fliegt ein weiteres Ausweichmanöver, um dem letzten Feuerstoß zu entgehen. Der Anflug läuft gut, keine weitern Verluste.

Es ist Zeit, die Flügel des Kampfanzugs zu entfalten, fragile Dinger aus schmalen Streifen, ähnlich einem Fächer ohne seine Bespannung. Unten verschwindet der weißglühende Schein des Boostertriebwerks der Bombe. An seiner Stelle erblüht fast sofort ein überraschend kleiner Feuerball. Die eigentliche Detonation hat bereits stattgefunden und mit ziemlicher Sicherheit alles Leben in dem unterirdischen Komplex ausgelöscht. Gilbert dreht eine kurze Runde über dem Gelände, um den Kakerlaken Zeit zu geben, zu landen, sich zu verteilen und zu melden, dass kein Widerstand zu erwarten ist. Dann landet er selbst, rollt ab, steht auf und sieht sich um. Seine Flügel fallen in sich zusammen, bilden eine Art Cape.

Er steht auf einem Parkplatz. Neben ihm ein umgekippter Geländewagen. Hinter ihm der Betonwürfel, der den Eingang zum Bunker darstellt. Ohne Decke, deren Trümmer wie Geröll die Gegend zieren und ohne das schwere Stahltor, das stark deformiert zu seinen Füßen liegt. Gilbert nimmt Funkkontakt zu seinem Kollegen, der sich mit einem Fahrzeugkonvoi von Süden nähert, auf.

“Tierry, ich bin unten. Die Hütte ist auf, der Zaun nur leicht beschädigt. Ich schick’ dir zwei Kakerlaken, die das Tor öffnen, wenn du hier bist”

“Weiß ich doch längst, Alter! Ich hab TINA überredet, mir deinen Videofeed zu zeigen. Krasser Ritt, Mann! Vier Schuss, vier Treffer und dann dieser astreine Touchdown! Geile Pose! Jedesmal wieder eine Freude, dir zuzusehen, ich könnt’ dich knutschen!”

“Danke. Du kannst auf Punkt B vorrücken, ich melde mich, wenn ich hier klar zum Abrücken bin.”

“Verstanden, ich halte mich zurück und warte, du hast den ganzen Spaß. Geht klar Chef.”

Da der Einsatzes nicht abgeschlossen und der Ausgang ungewiss ist, fällt es Gilbert schwer, Tierrys Begeisterung zu teilen. Und dessen Bewunderung hat etwas lästiges.

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