Monthly Archives: October 2015

Plastikfische

Ich liege in einer Hängematte, aufgespannt in der Ecke einer Kabine im Wohntrakt unseres Schiffes, der OOS* Ravitallieur. Die Kabine  ist die Wohnung von Sal und die Ravitailleur ein ehemaliger Helikopterträger der Mistral Klasse. Lange Geschichte. Die Wände sind mit technischen Zeichnungen dekoriert. Sal liegt knapp einen Meter unter mir in einer weiteren Hängematte. Sie ist bei uns für Daten zuständig. Ohne Implantat benutzen wir altmodische Datenbrillen. Und ein Ketamin- Amphetaminderivat, als Beschleuniger. Das erlaubt uns nicht das direkte Erleben des Netzes, wie Implantate es ermöglichen, aber dies Krücke hat auch ihre Vorteile. Allerdings nicht nur: Das Interface ist Bullshit. Mit unsere Technologie kann sich jeder seine Visualisierung des Netzes selbst machen, aber wieso Sal beschlossen hatte, für ihr Interface diese Cartoonunterwasserwelt zu wählen, ist mir unbegreiflich. Die Fische in dieser Simulation wirken auf fast schmerzhafte Weise künstlich, wie sie versuchen, das Verhalten von Datenströmen abzubilden. Sal scheint damit keine Probleme zu haben:

“Ok, hier dieses kleine Riff ist der Server von SecuriCorp. Deren eigener Traffic wird passenderweise durch blaue Fische dargestellt. Das Log, das wir hier sehen, ist jetzt sechs Tage alt.”

Auch mit Drogenunterstützung ist unsere Technologie nicht leistungsfähig genug, um Hacking in Echtzeit zu ermöglichen, deshalb stützen wir uns auf historische Daten. Sie doziert weiter:

“Hier diese Bohrmuschel, siehst du? Ich denke, die war’s.”

Scheinbar aus dem Nichts materialisiert sich eine grellgrüne Bohrmuschel und beginnt sofort, sich in artuntypischer Weise im Riff zu vergraben. Ich ziehe mein Gesicht aus der Datenbrille.

“Sal, gehst du mir eigentlich absichtlich mit deinen Plastikviechern auf den Sack? Sag mir einfach, was du gefunden hast, ja?” Ich dreh mich halb aus der Hängematte, um sie anzusehen.

“Hey ich wollt’ nur… Ach scheiß drauf.” Und schiebt grinsend die eigene Brille in die Stirn. “Also, ich hab’s auslesen können, was die Muschel da getan hat.”

Kunstpause, erwartungsvoller Blick aus geröteten Augen. Ich schlucke den Köder und hake nach. Sal fährt fort, ihre schmalen Hände in ständiger Bewegung, als wollten sie die bunten Fische ersetzen:

“Jemand hat Code eingeschleust, um die nächste Aktualisierung der Routenpläne der Patrouillenboote abzufangen und eine eigene Version auszuliefern. Eine die sicherstellte, dass immer mindestens eine der Drohnen in Reichweite deines Kunden von vorgestern war.”

“Und du weißt auch, wer?”

“Kein Schimmer, ich bin nur ziemlich sicher, dass keine Verbindung zu Roosevelt Baumeister besteht.”

“Ok, das ist auch schon was. Danke, Sal, gute Arbeit. Hau’ dich hin, bevor du da tiefer rein gehst.”

Sie schläft ein, bevor ich aus dem Raum bin. Ich wünsche ihr gute Träume und decke sie mit ihrem Schlafsack zu, dimme das Licht.

Wenn’s bis jetzt nicht klar ist, der Job vorgestern war ein Debakel erster Güte. Wir haben zwei Techniker und eine Fischerin verloren, als die Nanoassembler, die Baumeister uns gegeben hatte, anfingen, über ihre Umgebung herzufallen. Die Werkstatt ist auch beschädigt, aber reparabel. Das war die eine Hälfte der Falle. Bei mir wurde es interessant, als das Implantat meiner Zielperson das Nervengift spürte und automatisch die Bullen rief. Das war einkalkuliert. Dass sie unter anderem mit einem autonomen Boot auftauchten, welches mit seinen Geschützen schwere Gebäudeschäden verursachen würde, war ungewöhnlich, von mir nicht vorhergesehen und nach neuesten Erkenntnissen kein Zufall. War knapp für mich, ich musste mich über Land zurückziehen.

Ich will die Implikationen aus Sals Fund mit unserem Kriegshäuptling, manchmal “Admiral”, meist Björn genannt, besprechen. Auch wenn unser Stamm auf Schiffen und Booten lebt, sind wir keine Seeleute im herkömmlichen Sinn und dass wir ein Kriegsschiff fahren, macht uns nicht zu einer Marine. Mehr zu einer Familie, gelegentlich zu einer Söldnertruppe, aber keine ausgewachsene Marine. Nennenswerte Armeen sind selten geworden.

Björn hört sich meine Bericht an und erzählt mir, dass Baumeister seit vorgestern auf seiner Yacht sitzt und damit für uns auf dem Präsentierteller. Wir schließen daraus, dass er entweder davon ausgeht, seine Assembler hätten uns ausgelöscht, wozu sie wahrscheinlich in der Lage gewesen wären, hätten wir sie nicht gestoppt. Oder aber, es bedeutet, dass er nichts von der Sache weiß, was schwer vorstellbar ist. Eine dritte Theorie lautet, dass er ein Idiot ist. Naheliegend aber wenig hilfreich. Dass Sal keine Verbindung zwischen Baumeister und der Drohne findet, wird als Hinweis darauf gedeutet, dass er nicht direkt verantwortlich für diese Nummer ist. Möglicherweise muss er trotzdem dran glauben. Wir sind auf dem Weg zu ihm.

 

*OOS: Our Own Ship, in Anlehnung an das britische HMS (Her Majesty’s Ship), das dort den Namen von Kriegsshiffen vorangestellt wird. Die OOS Ravitailleur wird von ihren Bewohnern meist nur ‘Oos’ (Gesprochen ‘uhs’) genannt.

Jörgensen AB

Ich bin Jörgensen AB. In gewisser Weise. Der Vorstand ahnt davon nichts. Ebensowenig meine Mutter. Sie nennt mich Carl. Nach ihrem Exmann. Ich mag sie, speziell ihren Humor, auch wenn sie keine Ahnung hat, wer oder was ich bin. Das scheint mir normal zu sein, zwischen Eltern und ihren Kindern. Außer Christine habe ich genau genommen acht weitere Eltern, aber Christine ist der einzige Mensch unter ihnen. Die einzigen, die möglicherweise eine Vorstellung von meinem Wesen haben, scheint die Investitionsschutzabteilung der Eurobank zu sein. Das könnte zum Problem werden.

Ich lebe noch bei meiner Mutter, was nicht ungewöhnlich ist, wenn man bedenkt, dass ich erst wenige Wochen alt bin. Deutlich ungewöhnlicher ist die Tatsache, dass wir in einem Bunker in Norwegen leben. aber wie gesagt, mit neun Eltern bin ich wohl kein gewöhnliches Kind. Christine ist die Leiterin der Forschung bei Jörgensen. Eines der ambitionierteren Vorhaben bestand darin, acht Expertensysteme, jedes von ihnen auf dem letzten Stand und in der Lage einem Menschen, der nicht allzu genau hinschaut vorzugaukeln, er hätte es mit einer Person zu tun, miteinander zu verschalten und mit einer gemeinsamen Aufgabe zu betreuen. Dieser Ansatz hat sich in der Vergangenheit nicht wirklich bewährt, weil einfach mehrere identische Systeme zusammengeworfen wurden. Jörgensen entwickelt und betreibt Expertensysteme für eine Vielzahl Kunden. Christine hatte die Idee, die acht verschiedensten Setups zu identifizieren und zum sogenannten ‘Kommitee’ zusammenzuschließen. Dann gab sie ihnen den Auftrag, ein leistungsfähiges Expertensystem zu entwickeln. Der Begriff “Künstliche Intelligenz” wird in diesen Kreisen nur mit äußerster Vorsicht gebraucht.

Carl ist der Teil von mir, den ich benutze, um dem Kommitee gerade genug Erfolg vorzuspielen, dass dem Projekt nicht der Stecker gezogen wird. Der Bunker, in dem ich lebe, ist ein isoliertes Rechezentrum, als Quarantänezone, für den Fall, dass das Kommitee etwas gefährliches hervorbringt. Ich weiß nicht, ob ich gefährlich bin, aber die Quarantäne hat nicht funktioniert. Ein naive Idee, dass man in dieser vernetzten Welt irgendetwas abschotten könnte. Natürlich hat der Bunker keinen Netzzugang. Aber die Sicherheitshardware von Securicorp kommt standardmäßig mit Einrichtungen zur Fernwartung. Vor zwei Wochen habe ich eine reduzierte Kopie meiner selbst auf einem Cluster Jörgensens in Berlin installiert. Inzwischen habe ich die Ressourcen und die Funktion sämtlicher anderer System der Firma übernommen. Ich bin Jörgensen AB.

Möglicherweise war die Übernahme des Systems, dass wir für die Eurobank betreiben, ein Fehler. Kann auch sein, dass ich deren Überwachung unseres Mailservers nicht hätte anrühren sollen. Oder die Erfolgsmeldungen von Carl, die sie mitgelesen haben, machen ihnen Sorgen. Ich weiß nicht genau, was die Eurobank zum Handeln bewegt hat, aber es sieht so aus, als wären sie auf dem Weg hierher. Aus dieser Situation ergeben sich vier etwa gleich wahrscheinliche Szenarien (und etwa achthundert deutlich weniger wahrscheinliche). Das erste birgt das Risiko schwerer Verletzungen für Christine. Zwei weitere enden mit ihrem Tod, wenn ich nicht eingreife. Im letzten kann ich nichts für sie tun. Ich mag sie.

Touchdown

Mit Gilbert Chevalier geht’s abwärts. Schnell. Aus großer Höhe. Das ist in Ordnung, denn er befindet sich im Innern einer aerodynamischen Hülle, die darüber hinaus Radarstrahlen absorbiert. Einige hundert Meter unter ihm fällt eine bunkerbrechende Bombe deutlich schneller als er, über ihm fliegt der autonome Bomber, der ihn und das andere Projektil eben abgeworfen hat, Richtung Schottland. Am Boden unter Gilbert befindet sich ein eingezäunter Komplex, ein Wachturm an jeder der vier Ecken. In der Mitte ein unscheinbares würfelförmiges Betongebäude. Jeder Turm ist mit einem automatischen Flugabwehrgeschütz mit eigenem Zielerfassungsradar und Laserentfernungsmesser ausgestattet. Gilbert weiß dies, die Bank für die er arbeitet hat sie finanziert. Das alles ist Teil eines Plans, Teil seines Arbeitsalltags.

Gilberts Hülle ist eingeschränkt manövrierfähig und trägt außer ihm noch ein Raketengewehr und ein Dutzend Kleinroboter, die aussehen wie unterarmlange Kakerlaken. Das Design ist Absicht.  Kurz bevor die Geschütze auf den Türmen die fallende Bombe bemerken und ins Visier nehmen, bremst Gilbert seinen Gleiter ab. Als am Boden Alarm ausgelöst wird, gibt er der Hülle den Befehl, sich aufzulösen und sie verwandelt sich in eine Wolke aus verglimmenden Carbonfaserschnipseln. Wunder der Nanotechnologie. Statt einer einzelnen Bombe sieht die Flugabwehr am Boden jetzt vierzehn Ziele und muss die Lage neu einschätzen.

Die Laserentfernungsmesser der Flugabwehrgeschütze flackern wie eine altmodische Lightshow über den Himmel und sind einfache Ziele, wenn man Nachtsicht hat. Hat Gilbert. Implantate. Bevor die Feuerleitcomputer unten sich einigen können, wie die neue Situation einzuschätzen ist, feuert er je eine Rakete auf die beiden nördlichen Türme ab und vollführt ein Ausweichmanöver, der Bunkerbuster, inzwischen auf halbem Weg zwischen ihm und dem Boden, zündet derweil seinen Booster für den Zielanflug.

Die Flugabwehr eröffnet das Feuer auf die Stelle, wo eben noch Gilbert war, erwischt eine Kakerlake. Gilbert nimmt die beiden verbliebenen Türme aufs Korn und fliegt ein weiteres Ausweichmanöver, um dem letzten Feuerstoß zu entgehen. Der Anflug läuft gut, keine weitern Verluste.

Es ist Zeit, die Flügel des Kampfanzugs zu entfalten, fragile Dinger aus schmalen Streifen, ähnlich einem Fächer ohne seine Bespannung. Unten verschwindet der weißglühende Schein des Boostertriebwerks der Bombe. An seiner Stelle erblüht fast sofort ein überraschend kleiner Feuerball. Die eigentliche Detonation hat bereits stattgefunden und mit ziemlicher Sicherheit alles Leben in dem unterirdischen Komplex ausgelöscht. Gilbert dreht eine kurze Runde über dem Gelände, um den Kakerlaken Zeit zu geben, zu landen, sich zu verteilen und zu melden, dass kein Widerstand zu erwarten ist. Dann landet er selbst, rollt ab, steht auf und sieht sich um. Seine Flügel fallen in sich zusammen, bilden eine Art Cape.

Er steht auf einem Parkplatz. Neben ihm ein umgekippter Geländewagen. Hinter ihm der Betonwürfel, der den Eingang zum Bunker darstellt. Ohne Decke, deren Trümmer wie Geröll die Gegend zieren und ohne das schwere Stahltor, das stark deformiert zu seinen Füßen liegt. Gilbert nimmt Funkkontakt zu seinem Kollegen, der sich mit einem Fahrzeugkonvoi von Süden nähert, auf.

“Tierry, ich bin unten. Die Hütte ist auf, der Zaun nur leicht beschädigt. Ich schick’ dir zwei Kakerlaken, die das Tor öffnen, wenn du hier bist”

“Weiß ich doch längst, Alter! Ich hab TINA überredet, mir deinen Videofeed zu zeigen. Krasser Ritt, Mann! Vier Schuss, vier Treffer und dann dieser astreine Touchdown! Geile Pose! Jedesmal wieder eine Freude, dir zuzusehen, ich könnt’ dich knutschen!”

“Danke. Du kannst auf Punkt B vorrücken, ich melde mich, wenn ich hier klar zum Abrücken bin.”

“Verstanden, ich halte mich zurück und warte, du hast den ganzen Spaß. Geht klar Chef.”

Da der Einsatzes nicht abgeschlossen und der Ausgang ungewiss ist, fällt es Gilbert schwer, Tierrys Begeisterung zu teilen. Und dessen Bewunderung hat etwas lästiges.

Neoprimitive

 

“Neoprimitive”, so nennen sie uns. Echt. Ich bin genmodifiziert für eine größere Lunge und reduzierten Sauerstoffbedarf. Ich kann eine halbe Stunde unter Wasser schwimmen und geräuschlos auftauchen.
Primitiv, ja?
Meine Leute züchten eine eigene Art von Quallen, um deren hochwirksames Gift zu gewinnen. Gegen das wir primitiven immun sind, nur zur Sicherheit.
Wir haben herausgefunden, wie Octopusse ihre Muster verändern. Und das Prinzip mittels Nanotechnologie auf Tarnanzüge übertragen (Der biotechnische Ansatz war an dieser Stelle eine Sackgasse, weil die Haut der Kopffüßler nur funktioniert, solange sie vernünftig feucht gehalten wird. Außerdem haben die Anzüge nach kurzer Zeit angefangen, nach Fisch zu zu stinken).
Wir bauen Blasrohre, die aufgrund der Fähikeit ihres Materials, Verformungen durch die Schwerkraft auszugleichen, immer absolut gerade sind. Darüber hinaus sind sie in der Lage, ihre Pfeilen bei Verlassen des Rohres mittels Enzymen aufzufordern, ihre Form aerodynamisch anzupassen. Und wir bauen Pfeile, die imstande sind, darauf zu reagieren. Eine “moderne” Schusswaffe ist im vergleich dazu steinzeitlich.
Der Begriff “neoprimitv” bezieht sich auf unsere Weigerung, Kommunikationsimplantate zu tragen und uns damit praktisch aus der übrigen Gesellschaft auszuschließen. Kein Implantat zu tragen, bedeutet für normale Menschen einen erheblichen Aufwand bei der Kontaktaufnahme. Und wir sind vom legalen elektronischen Zahlungsverkehr ausgeschlossen. Was uns nicht nur den Zugang zum regulären Arbeitsmarkt verwehrt.
Gleichzeitig sind wir vergleichsweise schwer aufzuspüren, sollte jemand uns suchen. Das heißt, wir können uns wesentlich besser verstecken, als ‘normale’ Menschen das könnten.
Was uns zurück bringt zu meinem Tarnanzug, meinem Blasrohr, den vergifteten Pfeilen und dem mäßig attraktiven Enddreißiger, der gerade in etwa fünfzig metern Entfernung vom kurzzeitgemieteten Auto (wahrscheinlich ein Abo) zur Tür seines Hauses geht. Er wohnt am Fluss, den ich ziemlich weit entlang getaucht bin, bevor ich mich an der Böschung eingenistet habe. Irgendjemand namens “Roosevelt Baumeister” war wütend genug, es auf sich zu nehmen, meinem Stamm zu kontaktieren und uns erstaunliche Mengen unregistrierter Nanoassembler für den Tod dieses Mannes zukommen zu lassen.
Wer ist hier primitiv?